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Auswendig spielen : weshalb?

Für ein Publikum zu spielen ist wie, als Bergführer, mit Bergliebhabern eine Wanderung zu führen. Wenn er die Orte, Temperaturen, Gelände sehr gut kennt, erlaubt er seinen Leuten über viele Einzelheiten auf dem Weg zu staunen: Farben, Aussichten, Düfte, usw. Ein Musiker sollte innerlich bewusst alle Klänge, Töne hören und geniessen, den Sinn jeder Phrase verstehen, bevor er diese dem Publikum schenkt. Ist es nicht als Wanderer sehr angenehm, wenn der Bergführer nie auf die Karte aus dem Rucksack den Weg suchen muss?


Wenn ein Pianist allein spielt, ist es beinahe ein Brauch, ohne Noten aufzutreten: es ist natürlich viel unkomplizierter ohne jemanden an seiner Seite auf die Bühne zu steigen. Umblättern wäre anstrengend, da die Musik oft sehr schnell vergeht, und für das Publikum sowie für den Musiker unbequem. Wenn ich mich jedoch „ohne Sicherung“ vorstelle, dann aus anderen Gründen.


Um auswendig zu spielen, muss der Interpret den Gedanken des Komponisten ganz nahe kommen: beherrscht wird nur was gründlich verstanden ist. Auswendig zu spielen deutet auf einen bewusst festgelegenen Aufbau des Stückes, das Ueben alleine genügt nicht. Tausendmal auf dem Wanderweg entlang zu gehen reicht nicht aus, um den Bergführer sicher zu machen! Der Nebel, der Schnee, sogar die Lawinen können alles verwandeln, wie das Lampenfieber, die Gefühle auf der Bühne.


Sich die Partitur möglichst genau einzuprägen fordert präzises Visualisierung der Tastatur und Partitur, sowie innerliches Spielen und Zuhören. Wie? Zum Beispiel beim mentalen Notennennen, Fingersätze auf jedem Ton beherrschen, Harmonie analysieren, Partitur vom Gedächtnis wiederschreiben, usw. Diese leidenschaftlich interessante Herausforderung erlaubt es mir auch „ohne Klavier“ zu spielen, womit ich mich, neben dem täglichen Ueben, ungefähr eine Stunde pro Tag beschäftige. Es erlaubt mir eine gewisse Distanz zum „materiellen Spielen“ zu nehmen, mein eigener Dirigent zu werden, mich auf grosse Züge zu konzentrieren. So darf ich, wenn ich wirklich auftrete, eine Gehörfreiheit geniessen, statt visuell aufmerksam zu sein. Ich kann meine Energie auf Technik, Klang, Dynamik, Pedalisierung, Gesang der verschiedenen Stimmen, „Orchestrieren“ des Spieles usw. richten. So setzt man den Ausdruck im Vordergrund.


Autorin: Véronique Gobet
Erschienen den: 2011-11-15